Wechselbad der Gefühle
Kirchentag in München
Die Vielfalt der Angebote beim Gang über die Agora ("Marktplatz") erschlägt mich förmlich und taucht mich in ein innerliches Wechselbad. Obwohl eingeladen, beteiligen wir uns als Gemeinde am 2. Ökumenischen Kirchentag in München nicht. Aber ich nehme mir Zeit, um mir selbst ein Bild zu machen. Ich schlängele mich durch die Massen. Alles ist ausgezeichnet organisiert, da kann man manches lernen. 6000 arbeiten freiwillig mit, so hört man, die Pfadfinder haben den Ordnungsdienst übernommen, überall sind sie in ihrer Kluft zu sehen. Der Einsatz der jungen Generation gerade beim Ordnungsdienst ist vorbildlich.
Die Freunde der indonesischen Gemeinde, in der ich regelmäßig predige, sind an ihrem Stand begeistert: "So viele junge Leute sind von ‚Papa’ angesteckt", meint Gemeindeleiter Peter Kho und deutet verschmitzt nach oben. Michael Fischer von Teen Challenge freut sich, mit wie vielen Leuten sie am umlagerten Stand in gute Gespräche kommen können. De’Ignis ist da, die verschiedenen charismatischen Erneuerungsbewegungen einschließlich des Alpha-Kurses.
Kirchentag2Go
Werner Nachtigal (Berlin) hat mit Kirchentag2Go zur persönlichen Evangelisation aufgerufen und ist mit einem Team nach München gekommen, allerdings ist sein Angebot nicht Teil des offiziellen Kirchentagprogramms, sondern das Team nutzt die Fußgängerzonen als Betätigungsfeld. Werner ist – außer über das Wetter – begeistert über den Einsatz. "Die Menschen sind super offen, viele sind auf der Suche!" Auch Teilnehmer des Einsatzes geben gleichlautende Rückmeldungen.
"Damit ihr Hoffnung habt"
Orangefarbene Schals präsentieren das Motto des Kirchentags an zehntausenden von Hälsen. Hoffnung, danach sehnt man sich, deswegen sind viele hierher gekommen. Werden ihre Erwartungen erfüllt? Ungewöhnlich klar wird der bayerische evangelische Landesbischof Friedrich in seiner Eröffnungspredigt, als er ein deutliches Wort zur Hoffnung des ewigen Lebens allein durch Jesus Christus sagt. Er gesteht Menschen zu, dass sie gerade mit diesem Punkt des Lebens nach dem Tod ihre Mühe haben, fokussiert seine ganz persönliche Aussage aber deutlich: "Das ist eine Hoffnung, die mich ganz persönlich trägt. Für mich ist es eine Hoffnung, die alle anderen Hoffnungen übersteigt."
Keine Alternative
Bei der einleitenden Pressekonferenz wird die Linie vorgelegt: "Zur Ökumene gibt es keine Alternative". Die Kirchentagspräsidenten positionieren sich klar. Die Bischöfe loben sich gegenseitig in höchsten Tönen, geben sich an einigen Punkten dann aber eher zurückhaltender. Und schon liegt eines, der diesen Kirchentag dominierenden Themen, offen auf dem Tisch: "gemeinsames Abendmahl". Der katholische Erzbischof lobt mit vielen Worten das bereits erreichte, der evangelische bringt – wenn auch in diesem Rahmen nur dezent – seine Forderungen ein.
Themenflut
Ein orangefarbenes Bändchen am Revers etlicher Teilnehmer mit "Gemeinsames Abendmahl" spiegelt den Tenor der Basis wider: Man kann nicht verstehen, warum das nicht möglich sein soll. Am "Treffpunkt Jakobsbrunnen" formiert sich mit "Wir sind Kirche" die katholische Basis und fordert energisch Veränderungen. Abendmahl, Zölibat, Missbrauch sind auch hier die Themen. Zu einer 1,2 Kilometer langen Menschenkette für das Anliegen des gemeinsamen Abendmahls wird aufgerufen. 2000 folgen diesem Aufruf und demonstrieren, dass sie Kirche sind. Haben die Menschen, die sich hier engagieren, den Hintergrund der Position der katholischen Kirche in dieser Frage wirklich verstanden, frage ich mich?
Gleich neben dem Jakobsbrunnen outen sich vom Zölibat betroffene Frauen, die in heimlicher Beziehung mit katholischen Priestern leben und teilweise Kinder mit ihnen haben. Daneben ist die Initiativgruppe zur Abschaffung des Zwangszölibats aktiv. Ich soll mich auch in die Unterschriftsliste eintragen. Freundlich dankend gehe ich weiter. Auch die Lesben, Homos und Bisexuellen fehlen mit ihren Ständen nicht – das Wechselbad geht weiter!
Die Grünen, sonst weniger bekannt für kirchenfreundliche Töne, präsentieren sich mit ihrer ersten Garde. Die Gewerkschaft Ver.Di verteilt frische Äpfel, bei der CSU gibt es kostenlos Kaffee, die knallgelben Werbe-Stofftaschen eines kirchlichen Autoversicherers finden reißend Absatz. Wer es drauf anlegt, kann seinen familiären Kugelschreiberbedarf für die nächsten 10 Jahre hier sehr gut decken. Kirchentag? Da muss man halt dabei sein.
Allgegenwärtig ist das Thema des Missbrauchs. Man will sich den Opfern zuwenden, verspricht der Kirchentagspräsident. Kaum eine Veranstaltung, auf der ich bin, bei der das nicht angesprochen wird, bei manchen wird es sogar richtig laut. Bundespräsident Köhler bringt es bei der Eröffnung auf den Punkt: Vergebung, Umkehr und Erneuerung, die Bitte um Gnade – das gibt er mit auf den Weg.
"Schachzug" Brotbrechen
Auf dem Odeonsplatz sind 1000 Festzelttische aufgebaut. Ein orthodoxer Priester segnet Brot, 10.000 haben an den Tischen Platz genommen, das Interesse ist weitaus größer. Das gesegnete Brot wird geteilt und an den Tischen gegessen, auch die beiden Kirchentagspräsidenten und Bischöfe sind da. Das Anliegen des gemeinsamen Abendmahls soll so unbedingt vorangebracht werden, der orthodoxe Ritus des Brotbrechens wird als "unverfänglicher" Aufhänger und trotzdem mit klarer Signalwirkung gewählt.
Hochpolitisch...
Als die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann in überfüllter Halle für das gemeinsame Abendmahl und politisch klar akzentuiert sich wiederum gegen den Einsatz in Afghanistan stellt, brandet der Applaus zum wiederholten Male auf. Dieser Kirchentag ist hochpolitisch, manches, was als "Bibelarbeit" bezeichnet wird, ist eher ein Sprungbrett für andere Themen. Auch der interreligiöse Dialog wird deutlich gefordert. Käßmann ist der heimliche Star des Kirchentags, wo sie auftritt, sind die Hallen voll. "Käßmania" kommentiert der Bayerische Rundfunk, womit er den Nagel auf den Kopf trifft. Ihr Fehltritt vom Februar hat sie volksnaher gemacht. Die Ovationen für sie können mit dem Zusatz "standing" versehen werden, bei Kanzlerin Merkel bleibt man sitzen. Erstaunlich. Macht Käßmanns Fehlverhalten selbst oder ihre daraus gezogenen Konsequenzen sie attraktiv für die Menschen? Es wirkt wie eine Entschuldigung: "Wenn sie daneben tritt, dann kann ich mir es doch auch leisten".
… und Politiker unpolitisch
Unser Staatsoberhaupt trifft in seinem Grußwort sehr gut den Ton, bekennt, dass er sich auf den Kirchentag gefreut hat. Er hebt u. a. auch besonders die Arbeit des CVJM hervor. Die Kanzlerin würdigt die positiven Auswirkungen des Bibellesens und des gemeinsamen Singens und Betens. Mit ihr in der Diskussionsrunde ist der Leiter der Berliner Stadtmission und präsentiert modellhaft ihre Berliner Randgruppenarbeit. Das Anliegen bekommt von der Kanzlerin sehr viel Aufmerksamkeit.
Interreligiöser Dialog gefordert
Auch eine Mini-Moschee ist auf der Agora zu finden. Verständnis soll sie bewirken, aber das weitergehende Signal ist schon im Vorfeld klar: Der interreligiöse Dialog wird gewünscht und gesucht. Bundesinnenminister Thomas des Maizière fordert zum Ende des Kirchentages einen gemeinsamen "Kirchentag" mit dem Islam – erntet allerdings heftigen Widerspruch. Ebenso wird der Kirchentag als Plattform genutzt, um die Möglichkeit eines islamischen Feiertags zu diskutieren.
Großes Interesse...
Abends in den Messehallen: Die Nacht der Lichter mit "geistlichen Liedern", die mich interessiert, ist trotz größter Halle überfüllt, vor einer anderen Halle stehen Hunderte und lauschen gespannt den Ausführungen von innen: "20 Hauskreise haben unsere Gemeinde lebendig gemacht, es ist keine Betreuungsgemeinde, sondern eine Beteiligungsgemeinde", schallt es vom evangelischen Vertreter leicht verzerrt aus dem Lautsprecher, applaudierende Zustimmung auch von den trotz Kälte am Boden Sitzenden. Ein guter Impuls, denke ich, auch für uns Freikirchlicher.
Evangelikale am Rand
Auch Pfarrer Ulrich Parzany predigt, gewohnt gut und deutlich, von der Kirchentagsleitung aber in die Hinterbank platziert, eine Messehalle wäre angebrachter gewesen. Schade. Aber das spiegelt das Gesamtbild wider: Die evangelikale Szene ist mit etlichen deutlichen Impulsen da, findet aber nicht wirklich eine Plattform. Weitere evangelikale Angebote sind zwar da, aber in der Vielfalt des Angebots nur sehr schwierig aufzufinden.
Müde in der U-Bahn
Ich sinke in der U-Bahn in meinen Sitz, um den Heimweg anzutreten. Etwas müde fällt mein Blick auf eine kleine Karte mit einem Marienbild, die ans Fenster gesteckt ist. "Weihe an Maria, die Königin der Liebe" wirbt dort eine marianische Gemeinschaft und preist die Vorzüge der Marienverehrung. Dieser Kirchentagsbesuch ist für mich wirklich ein extremes Wechselbad der Gefühle…
Mein persönliches Fazit
Man ist der Institution Kirche, den politischen Machtstrukturen müde, so mein Eindruck, hier ist eine parallele Entwicklung wie bei den Parteien zu erkennen. Aber viele suchen nach geistlichen Impulsen und Orientierung. Ich treffe feine junge Leute, mit denen die Begegnung sehr angenehm ist und die innerlich offen sind.
Klare geistliche Orientierung vermitteln diese Tage aber überwiegend nicht, das Sammelsurium ist zu groß, gute Einzelimpulse sind durchaus zu finden.
Frank Uphoff
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Kommentare
| Kirchentag - Ökumene v | Von Unbekannt am 23.05.2010 um 19:59:09 |
JESUS möge uns allen barmherzig sein! Ihr / Euer www.christlicher-philippus.dienst.de |
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| Super Artikel! | Von Unbekannt am 27.05.2010 um 10:44:43 |
| Differenziert. Klar. Gute Darstellung. Sprachlich versiert. Das Lesen hat Spaß gemacht. |
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